Was die Menschenrechte mit der Haltung zu meinen Kindern zu tun haben

Harter Tobak

Ich weiß, dass die nachfolgenden Worte harter Tobak sind und zu kontroversen Diskussionen führen können, zu Ablehnung und Verurteilung und dennoch: Ich glaube, dass es moralisch falsch ist das Verhalten von Menschen (und dazu gehören Kinder!) zu manipulieren und ich halte Erziehung für ein Zuwiderhandeln unserer Menschenrechte. Was hat also meine Haltung gegenüber meinen Kindern mit den Menschenrechten zu tun?

 

Ich schütze und respektiere die Würde meiner Kinder

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Wissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

So lautet Artikel 1 der Menschenrechte. Ich glaube, dass in den Köpfen der meisten Erwachsenen (und auch lange in meinem) die Vorstellung davon existiert, dass wir großen Menschen besser als die kleinen Menschen wissen, was sie brauchen und ihnen gut tut. Das widerspricht dem Humanismus vollkommen. Ich glaube inzwischen, dass wir uns über kleine Menschen erheben und ihre Würde eben nicht anerkennen. So wurde es einst auch mit uns getan. Und deswegen glauben wir auch zutiefst daran, dass das notwendig ist. In Artikel 1 der Menschenrechte ist allerdings explizit von ALLEN Menschen die Rede. Meiner Meinung nach wird es Zeit, Kinder als Menschen wahrzunehmen und anzuerkennen, dass sie zwar lernbedürftig sind, das aber nie bedeutet, dass sie nicht selbst wissen, was sie brauchen. Für mich schließt die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen jegliche Manipulation von Verhalten bei kleinen sowie großen Menschen kategorisch aus. Weder strafe ich meine Kinder noch lobe ich sie – beides zielt darauf ab, dass mein Kind ein bestimmtes Verhalten zeigt, warum es das tut, spielt dabei keine Rolle. Und diese Verobjektivierung ist für mich menschenunwürdig.

 

Und wie steht es um die Freiheit unserer Kinder

Nun: In Artikel 1 als auch in Artikel 3: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ großer Wert auf die Freiheit des Menschen gesetzt und diese klar zum Ausdruck gebracht. Zunächst einmal: Unsere Kinder sind nicht frei. Sie sind existentiell von uns abhängig (siehe hier). Die gesamte Macht liegt bei uns und anzunehmen unsere Kinder wären frei ist eine Illusion und ein toxischer Gedanke. Das heißt aber nicht, dass sie nicht wissen, was sie brauchen. Bereits ein Baby, das gerade geboren wurde, drückt seine Bedürfnisse sofort über sein Schreien aus. Und es liegt in unserer Verantwortung diese Bedürfnisse zu erfüllen. Das Kind kann sich diese Bedürfnisse noch nicht selbst erfüllen. Das lernt es, indem wir dies die gesamte Kindheit über konsequent tun. Und hier dürfen wir unseren Kindern schlichtweg vertrauen. Genau deshalb entscheidet mein Kind selbst über sich – in einem Rahmen den ich verantworte.

 

Also wie jetzt? Setze ich meinem Kind keine Grenzen mehr?

Ich entscheide nicht mehr, ob ich meinem Kind Dinge erlaube oder verbiete. Genau DIESE Unterscheidung ist für mich TATSÄCHLICH der Moment, wo ich mich über mein Kind erhebe. Mein Kind GEHÖRT mir nicht. Es ist KEIN Objekt, über das ich bestimme. Ich denke Elternschaft inzwischen jenseits von Erlauben und Verbieten.
Aber ich nehme meine Bedürfnisse und mich ernst. ICH überlege, ob gegen die Entscheidung meines Kindes etwas dagegen spricht und WARUM ich damit nicht einverstanden bin. Und dann kommuniziere ich genau das. Ich zeige mich. Ich bin authentisch. Wir kommen darüber in die Diskussion und tauschen unsere Standpunkte aus. Nicht im Sinne eines Machtkampfes, vielmehr gelange ich mit meiner Tochter in einen Lösungsprozess. Und wir versuchen uns zu UNDen. Es gibt oft nicht die perfekte Lösung. Wichtig ist, dass ich die Verantwortung für sie übernehme. Und die auch bei mir behalte, wenn ich spüre, dass ich gerade gegen meine Werte gehandelt habe. Das ist okay. Das passiert ständig. Einfach deshalb, weil ich Mensch bin.

 

Und wo hört das auf?

Für mich gibt es da kein „Ende“. Für mich ist das eine Haltung, die ich durch und durch lebe. Für mich ist das Menschenrecht. Und für mich umfasst das auch Bereiche wie die Mediennutzung, Süßigkeitenkonsum, die Entscheidung darüber was und womit ein Mensch lernen möchte, für mich ist es Menschenrecht, dass ein Mensch selbst entscheidet, wann er essen, trinken, schlafen, auf Toilette gehen möchte und auch die Bestimmung darüber wo sich ein Mensch aufhalten möchte. Das heißt für mich nicht, dass jeder, der beginnt sich mit unerzogen leben auseinander zu setzen, sofort aufhören muss (kein Mensch muss irgendwas) zu regulieren. (Oft geht das viel zu schnell, anfangs habe ich oft im Double Bind agiert und Verantwortung abgegeben) Für mich ist das ein Prozess. Ich lerne nach und nach los zu lassen. Und wir kommen Stück für Stück tiefer in die Selbstregulation. Ich höre Schritt für Schritt auf zu kontrollieren. Und das heißt nicht, dass ich mein Kind vollkommen sich selbst überlasse. Ich spreche mit meinem Kind über meine Ansichten, tausche mich wiederum aus, diskutiere, ich schaue mit Tablet, gebe meinem Kind die Süßigkeiten nach denen es verlangt, biete ihm gleichzeitig regelmäßig Lebensmitel an, die ich für gesund halte, ernähre mich selbst ausgewogen. Wir leben miteinander. Mit dem Wissen darum, dass die Verantwortung stets bei mir liegt. Aber ich erhebe mich nicht über mein Kind. Und das wichtigste:

Ich vertraue meinem Kind.

 

Weiterführende Links:

Zum Thema UNDen:

Familienleicht (Lena): Unden als Weg zur Konfliktlösung

Zum Thema Adultismus, Menschenrechte und Diskriminierung von Kindern:

Der Kompass: „Weil du ein Kind bist“ – wie wir unsere Kinder täglich diskriminieren und es nicht merken

3 Kommentare zu „Was die Menschenrechte mit der Haltung zu meinen Kindern zu tun haben

      1. Bei mir war es so ähnlich, vor unserem Kind hab ich mich einfach nicht damit befasst und mir nicht wirklich Gedanken dazu gemacht. Ich hatte aber auch diese Illusion von Erziehung im Kopf…
        Doch ab der Schwangerschaft war es für mich und meinen Mann instinktiv total klar, wie wir mit unserem Kind leben und umgehen wollen. Und jetzt kann ich meine frühere Einstellung auch absolut nicht mehr nachvollziehen 😊

        Gefällt 1 Person

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