„Damit das Kind das lernt“ – Über die Farce von Gehorsam

Immer wieder begegnet mir die Aussage: Ich muss mein Kind auf diese oder jene Art und Weise behandeln, DAMIT es xyz lernt. Damit es geduldig, hilfsbereit, rücksichtsvoll, dankbar, respektvoll … wird. Die Liste lässt sich beliebig ergänzen. Im Namen des Lernens wird das Selbstvertrauen, die Bindung und Gefühle unterdrückt und zerstört. Das Ding ist: Das Ganze ist eine Farce. Meiner Meinung nach wird hier erwartet, dass das Kind Handlungen ausführt. WARUM es das tut spielt keine Rolle. Es geht um Gehorsam.

 

Voraussetzungen für tatsächliches Lernen

Echtes, tiefes, nachhaltiges Lernen ist an bestimmte Faktoren geknüpft.
Das Ding ist: Diese Voraussetzungen gelten für alles Lernen, auch für soziales Lernen. Alles andere ist das bloße Ausführen von Verhaltensweisen. Darauf gehe ich weiter unten ein.
Was sind also diese Voraussetzungen?

 

Erfahrungen
Lernen ist ein selbsttätiger Prozess. Klar kann ich meinem Kind immer wieder sagen, dass es draußen kalt ist und es besser eine Jacke anzieht. Aber zum einen weiß es zunächst nicht was „kalt“ bedeutet bis es die Erfahrung selbst machen konnte. Zum anderen weiß ich schlicht nicht wie es sich für mein Kind anfühlt. Wenn es für MICH kalt ist, ist es das noch lange nicht für mein Kind. Das heißt nicht, dass ich nicht sicherheitshalber eine Jacke einpacke und es heißt auch nicht, dass ich meinem Kind ein „ich habs doch gleich gesagt“ entgegen schleuder. Es bedeutet, dass es seine Erfahrungen machen kann. In einem Rahmen, den ich verantworte.

 

Das Lernen wird nicht bewertet
Sei es nun durch Lob oder Kritik. Das spielt keine Rolle. Ich glaube, dass sämtliche Beurteilungen dazu führen, dass Lernen gebremst und verhindert wird. Und DAS finde ich tatsächlich tragisch. Ich glaube, dass Angst vor Beurteilung keinen Raum für Lernerfahrungen lässt.

 

Lernen in Beziehung
Verbindungen zu anderen Menschen sind DIE Prävention für psychische Krankheiten schlechthin. Ich glaube, dass unsere Lebensqualität maßgeblich davon abhängt wie es um die Beziehungsqualität zu unseren Lieblingsmenschen steht.
„Beziehung ist eines unserer Grundnahrungsmittel für die Seele. Wir sind auf Beziehungen gepolt und soziale Wesen. Und unser Gehirn verknüpft Lern- mit Beziehungserfahrungen.“ (Huffpost)

 

Fehlerkultur
Ich halte diesen Punkt für so unglaublich wichtig: Dein Umgang mit Fehlern (von dir selbst und die von deinem Kind). Ein Kind, das gerade einen Gegenstand zerstört hat, weiß selbst, dass das gerade Mist war. Da braucht es nicht noch jemanden, der es dafür schimpft. Dadurch lernt es nicht, dass beim nächsten Mal besser aufpasst. Im Gegenteil. Es spürt Angst und wird dadurch vielmehr so panisch, dass es zu vermehrten „Fehlern“ kommt. Unterstell deinem Kind gute Gründe für sein Verhalten, nimm es liebevoll in den Arm und sag ihm, dass das jedem Mal passiert und auch du schon mal was runter geworfen hast. Eine positive Fehlerkultur ist etwas wundervolles und ermöglicht intensive Verbindungen zu sich selbst und anderen.

 

Geduld

Wenn ich eines inzwischen verinnerlicht habe, dann das Lernen Zeit braucht. Ich ERFAHRE das auf meinem Weg in ein Leben mit meinen Kindern auf Augenhöhe. Beginne ich mich über mich selbst zu ärgern, ungeduldig mit mir selbst zu sein und hektisch zu werden, stehe ich dermaßen unter Druck, dass sämtliches Lernen unmöglich wird. Hab du Zeit mit dir selbst, um diese Zeit auch deinem Kind schenken zu können.

„Hab Geduld mit allen Dingen, aber besonders mit dir selbst.“

Franz von Sales

 

Freiwilligkeit

Lernen findet nicht unter Zwang statt. Nie. Ein Kind, das ich dazu zwinge bitte und danke zu sagen, wird dadurch nicht respektvoll oder dankbar. Es führt ggf. einfach genau DAS aus: Es sagt Bitte und Danke. Das war’s. Es hat nicht gelernt dankbar zu sein. Das kann es nur wenn es DAS fühlen kann. Sei du deinem Kind für seine Kooperation tatsächlich dankbar. Seh du, was dein Kind tagtäglich freiwillig für DICH tut. Und zwinge es nicht zu Ausführungen

 

Erziehung hat nichts mit Lernen gemein

 

Erziehung setzt nicht auf die oben genannten Voraussetzungen. Meiner Meinung nach baut Erziehung auf der Grundidee von Gehorsam. Und das Ganze wird getarnt unter dem Deckmantel des Lernens müssens. Das Kind soll sich entschuldigen, weil es das lernen muss. Das Kind soll sein Zimmer aufräumen, weil es Ordnung lernen soll. Ein Kind muss warten lernen. Es muss lernen Guten Tag und Auf Wiedersehen zu sagen. Und dabei geht das nicht überein: Lernen und Müssen. Und im Grunde soll das Kind auch einfach nur möglichst schnell und zuverlässig die Befehle der Eltern ausführen. Immer dann wenn es darum geht, dass der Erwachsene irgendetwas tut, DAMIT aus dem Kind etwas wird, handelt es sich um Erziehung und die ist menschenunwürdig. Ich verhalte mich auch nicht meinem Partner auf irgendeine Art und Weise DAMIT aus ihm xyz wird und wenn mein Partner mich so behandeln würde, würde ich sehr wütend werden, mich nicht anerkannt und wert geschätzt fühlen.
Immer wenn ein Erwachsener von einem Kind will, dass es sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält, ist das in meinen Augen Zwang und damit Gehorsam. Und es ist auch vollkommen egal, wie oft der Erwachsene „bitte“ sagt. „Wenn dein Kind machen soll, was du sagst, erwartest du Gehorsam. Egal, wie nett du das meinst und wie oft du ‘bitte’ sagst. Und Gehorsam ist gefährlich. Gehorsam, so argumentiert Arno Grün in dem Buch, das ich nie müde werde zu empfehlen: “Wider den Gehorsam” ist die systematische Unterdrückung unseres eigenen, originären Selbst.“ (Huffpost)

 

Und was tue ich dann statt dessen?
Ich vertraue meinem Kind. So einfach. So schwer, wenn ich mir selbst nicht vertraue.
Bedanke du dich statt dass du dein Kind zwingst, reduziere den Druck beim Zähneputzen, lass die Unordnung im Kinderzimmer Unordnung sein oder räum du das Zimmer auf, wenn es für dein Kind okay ist, lass deinem Kind Zeit, geh drei Schritte zurück, wenn du spürst, dass du Druck aufgebaut hast. Wenn dein Kind kooperieren kann, wird es das tun. Vertraue ihm.
Angst führt dazu, dass wir in Erziehungsmuster abrutschen. Und die hinterlässt Narben in der Beziehung zu meinem Kind. Frage dich, ob es dir wert ist diesen Preis zu zahlen.
Und dann:
Denke in Lösungen
Es gibt zahlreiche Lösungen, wenn wir in der Lage sind umzudenken und unsere Vorstellung wie genau etwas zu laufen hat über Bord werfen. Dann wird Raum frei für kreative Lösungen. Dein Kind will nicht Windeln wechseln? Das kann der Teddy übernehmen, das geht auf dem Trampolin, im Stehen, beim Spielen, mit Paw Patrol, beim Telefonieren mit der Oma, im Auto usw. Es gibt so viele Lösungen. Dein Kind will nicht warten? Was könnte es in der Zwischenzeit tun? Welche gemeinsamen Lösungen findet ihr? Dein Kind wird nicht geduldig indem es gezwungen wird zu warten. Dein Kind erhält die Chance Geduld für sich zu entdecken, indem es die Erfahrung macht, dass andere Menschen geduldig sind. Sei du es und warte du auf dein Kind.

 

Zeig dich
Sei authentisch. Zeig dich mit deinen Gefühlen. Gestern liefen wir zum Kiga. Ich war ungeduldug weil ich mit meinem Baby unbedingt zum Babykurs wollte. Ich kommunizierte genau das. Ich beschämte mein Kind nicht, ich zwang es zu nichts. Ich unternahm nichts damit es xyz lernt. Mir wurde neulich gesagt: ja aber ich muss mein Kind doch dazu anhalten seinen Müll weg zu schmeißen, DAMIT es nachhaltig wird und es den Müll nicht in die Natur schmeißt. Auch hier: Lernen findet nicht statt indem du dein Kind dazu zwingst. Leb du es vor! Erkläre deinem Kind warum dir die Sache mit dem Müll so am Herzen liegt. Steh du für deine Werte. Aber beschäme, beschimpfe, bestrafe dein Kind nicht und nutze auch sonst keine Methoden der Verhaltensmanipulation. Vertrau deinem Kind.

 

Sei klar
Was genau willst du, worum geht es dir? Wenn du genau weißt was du brauchst, kannst du dir deine Bedürfnisse selbst erfüllen. Worum geht es dir, wenn dein Kind den Müll trennen soll? Glaubst du, dass andere dich für eine gute Mutter halten, wenn es das tut? Geht es dir um Anerkennung von anderen? Um Wertschätzung? Schenke dir beides selbst. Du bist wertvoll. Du bist wundervoll. Unabhängig von dem, was dein Kind tut. Du findest die Anerkennung, nach der du dich so sehr sehnst, in dir selbst.

 

Das große Ganze
Dein Kind hat ein großes Problem mit dem Kindergarten? Es will nicht dorthin? Zwing es nicht mit der Begründung „Es muss dort hin DAMIT es lernt, dass es nicht immer alles nach seinem Willen geht und manches eben sein muss.“ Das ist wiederum Erwartung von Gehorsam. Dein Kind wird gute Gründe haben. Auch wenn du sie gerade nicht verstehst. Macht nichts. Und wenn dein Kind so vehement für sich einsteht, suche nach langfristigen Lösungen (unabhängig vom Kind) und strukturiere ggf. euer Familienleben so um, dass ihr euch dort alle wohl fühlt. Die Verantwortung liegt bei DIR, dein Kind kann sie nicht tragen.

 

Ich glaube indes daran: Dein Kind möchte dir zutiefst gefallen. Es will kooperieren. Aber es sorgt gleichzeitig für sich und seine Integrität. Es steht für sich und seine Würde ein. Das ist wundervoll. Feiere dein Kind, wenn es sich gegen Gehorsam wehrt. Frag dein Kind, ob ihr etwas schneller gehen könnt, wenn du ungeduldig bist, frag es ob es den Müll zur Mülltonne bringen möchte, frag es, ob es kurz auf dich warten kann. Aber lass die Erwartung los, dass es nur diesen einen Weg gibt und dein Kind das tun MUSS. Du wirst sehen: Wenn dir das wirklich tief im Inneren gelingt, wirst du reich beschenkt werden.
„Wenn wir die Erwartung an Gehorsam endlich fallen lassen und Empathie, Zuneigung und Klarheit an ihre Stelle treten lassen könnten: Nicht weniger als eine glücklichere Welt käme dabei heraus“ (Der Kompass)

 

Weiterführende Links zum Thema:

Der Kompass: Dein Kind will nicht hören? Glückwunsch! 5 Alternativen zum Gehorsam

Huffpost: (Gastartikel von Ruth) Kinder lernen von alleine, wir müssen sie nicht 

 

Buchtipp:

Arno Gruen: Wider den Gehorsam

7 Kommentare zu „„Damit das Kind das lernt“ – Über die Farce von Gehorsam

  1. Ich kann dir nur in allen Punkten zustimmen!! ❤
    Seit wir ein Kind haben, fällt es mir noch mehr auf, dass es so viele stupide gesellschaftliche „Regeln und Normen“ gibt… Und meine Mutter ist leider auch der Typ „das macht man aber nicht“ bzw. „genau so und so muss etwas sein“.

    Wir leben vor, teilweise mit Erklärungen aber niemals mit Zwang und ich bin absolut erstaunt und oft sogar überwältigt davon, wie sich unser Kind verhält!
    Liebe Grüße cao

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe cao,
      Ja bei meinen Eltern und Schwiegereltern finde ich diese Annahmen, „das muss aber“ auch. Ich weiß allerdings auch von mir, dass ich lange Zeit ai gedacht hab, ich konnte das erst langsam beim ersten Kind (vertiefend beim zweiten) los lassen. Die Vorstellung verhinderte, dass ich aus der Opferrolle kam und in die Verantwortung. Ich glaub der einzige Weg der dorthin führt ist für mich der über die Empathie. Ab und an gerate ich noch in die Opferrolle, und erinnere mich dann selbst oder mit liebevoller Unterstüzung von anderen, die meine Werte teilen, dass ich hier gerade gegen diese agiere.
      Ich danke dir für deine Worte ❤, Menschen wollen soooo unglaublich gern kooperieren, wenn sie nicht gezwungen werden. Diese Erfahrung hab ich auch gemacht.

      Meine Tochter, der ich immer und immer wieder helfe, egal ob sie etwas eigentlich schon kann oder nicht, unterbrach neulich bei einem Freund das Spiel und meinte, nein ich möchte helfen (die Mutter war dabei Wäsche abzuhängen). Weder die Mutter noch ich hätten das je erwartet. Sie kam von sich aus darauf. Und es ist für sie auch nicht mit diesem Zwang verbunden, den ich darin sehe, weil es von mir in meiner Kindheit erwartet wurde 🤷. Ich hätte sicher auch gern geholfen. Aber ich habe gekämpft.

      Ich trage inzwischen ein völlig anderes Menschenbild in mir. 🤗❤

      Und ich finde bei dir liest es sich auch so, dass ihr unglaublich toll in Verbindung seid 😍☺.
      Hab einen schönen Tag

      Gefällt 2 Personen

      1. Ja, bei mir ist es ähnlich. Durch unser Kind werde ich (wie alle wahrscheinlich) extrem damit konfrontiert, wie man selbst aufgewachsen ist, welche Werte einem wichtig sind, welche Floskeln die Eltern benutzt haben usw. Anfangs habe ich mich auch stur dagegen gestellt, mittlerweile kann ich die „Geschichte“ dahinter gut verstehen und der Umgang mit meiner Mutter ist viel entspannter. Erst durch unser Kind weiß ich, dass sie alles aus Liebe gemacht hat und das für ihrem damaligen Wissenstand Beste für mich wollte! (ich hatte keine schlimme Kindheit falls sich das so liest, es sind eher Kleinigkeiten, die ich aber bei meinem Kind auf jeden Fall anders machen möchte 😉)

        Ich finde, die Taten, die vom Kind selbst kommen, sind einfach so authentisch und berühren mich daher sehr. Letztens hat unser 2,5 Jahre altes Kind zum Besucherkind, das gerade mit dem Laufrad unseres Kindes gefahren ist, gesagt:“darf ich mir bitte mein Laufrad von dir ausborgen!“. Sowohl das Kind, als auch dessen Eltern waren waren von der Höflichkeit sehr erstaunt – vor allem, weil sie ihr Kind stets mit „sag bitte und danke“ oder für mich noch schlimmer „wie sagt man?“ drillen. Was es aber nur sagt, wenn man das Kind auffordert…
        Auch hier ist es für mich nicht leicht, da die Eltern Freunde von uns sind. Unseren Standpunkt zu erklären (nicht aufzwängen!) stoßt oft auf Unverständnis…

        Ich freue mich, deinen Blog gefunden zu haben! 😊

        Gefällt 1 Person

  2. Cao du Liebe ❤ ich fühle mich sehr mit dir verbunden. Ich glaube, dass viele ihre Entwicklungstraumata mit sich mit tragen. Nur denken viele bei Trauma an Krieg und co. Eine „schlimme“ Kindheit ist ja wieder Bewertungssache 🙂 für mich liest es sich so, dass auch deine Mztter das Beste gegeben hat und für dich wollte. Und das sie einen Teil der Gewalt abgetragen hat und du jetzt mit den Möglichkeiten von heute weiter machst und ein anderes Menschenbild als deine Mutter hast. So ist es bei mir 🤗❤

    Ich glaube, dass Erklärungen oft nicht ausreichen und wir nur über das FÜHLEN und ERFAHREN weiter kommen. ❤ Und dazu braucht es Raum und Zeit.

    Ich freue mich auch riesig, dass du hier bist und meinem Blog folgst.

    Gefällt 2 Personen

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