Warum ich „Stell dich nicht so an“ Sätze vermeide und die Gefühle meines Kindes ernst nehme

Über „Stell dich nicht so an“ Sätze

 

„Es gibt Sätze, die verletzen und signalisieren, dass das eigene Empfinden irgendwie falsch ist. Für Kinder eine fatale Erfahrung“ (Terrorpueppi)

Es ist einige Jahre her. Und es waren einfach Worte. Unbedacht. Und vermutlich aus Selbstschutz gewählt. Und doch hinterließen sie tiefe Narben.

Ich war ungefähr 13 Jahre, da sprach ich meine Mutter darauf an, dass ich in der Schule gemobbt würde. Es fiel mir schwer mit ihr das Gespräch zu suchen. Und dennoch: Ich wollte gesehen werden, Wertschätzung erfahren und Unterstützung. Es war im Urlaub. Wir saßen gemeinsam am Tisch. Da sagte ich ihr das. Und sie entgegnete: „Was machen die denn? Es gibt überall Menschen mit denen wir nicht klar kommen!“ Punkt. Das war’s. Ich sah mich bestätigt: Ich bin falsch. Mein Empfinden, meine Gefühle sind falsch. Ich darf so nicht fühlen. Ich begann mich vollkommen zu verschließen. Ich glaube diese Haltung wurde mir die gesamte Kindheit entsprechend entgegen gebracht: Ich bin sensibel. Ich habe das in mir durch und durch verinnerlicht. Meine Gefühle sind nicht richtig. Ich bin falsch. Jetzt – im Erwachsenenalter – bin ich in der Lage das zu reflektieren und zu erkennen, das nicht ich hier das Problem hatte und war.

 

Kleine Worte mit großer verheerender Wirkung

 

Sätze, die die Gefühle unserer Kinder in Frage stellen, sind übergriffig und unachtsam gewählt.
Sätze wie: „Das war doch nicht schlimm“, „Gibt Schlimmeres“, „Stell dich nicht so an“, „Du bist aber sensibel“ usw. stellen die Gefühle unserer Kinder in Frage. Leon Wurmser, ein Psychoanalytiker hat sich mit der Thematik Scham ausführlich beschäftigt und er bezeichnete es als „Seelenmord“, wenn Eltern die Gefühle ihrer Kinder immer und immer wieder in Frage stellen. Im Kind wird Scham etabliert, Scham sich selbst gegenüber, so zu sein, wie es ist. Es wird seine Gefühle auch als Erwachsener stets in Frage stellen, damit existentieller Bestandteil seiner selbst und sich „falsch“ fühlen.

 

Und warum sagen Eltern diese Worte dennoch zu ihren Kindern?

 

Ich glaube nicht, dass Eltern das WOLLEN! Ich glaube zutiefst daran, dass Eltern ihren Kindern nicht das Gefühl vermitteln wollen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Das sie ihnen den Eindruck vermitteln wollen, sie seien falsch. Zum einen glaube ich, dass die Haltung hinter den Worten relevant sind. Menschen, die diese Sätze immer und immer wiederholen, haben oftmals selbiges in ihrer Kindheit erlebt: Ihre Gefühle wurden abgelehnt, ihnen wurde der Eindruck vermittelt, ihre Gefühle seien „falsch“, Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Frust wurden unterdrückt und von Seiten der Eltern abgelehnt. Sie beginnen nun ihren Wert an äußerlichen Gegebenheiten zu definieren. Und eigene im inneren abgelehnte Gefühle können nun auch bei anderen Menschen nicht mehr gut ausgehalten werden. „Sie suchen in ihrer Sehnsucht nach der ehedem verwehrten Anerkennung der eigenen Gefühle ersatzweise Zuspruch durch Leistung, Schönheit, Besitz oder was auch immer. Vieles kann „helfen“, diese tiefe Wunde des abgelehnten Inneren (der eigenen Gefühle) nicht mehr spüren zu müssen. Nach oftmals jahrelanger Analyse tauchen irgendwann diese verletzten kindlichen Anteile auf. Manchmal zeigt sich dabei dann auch, dass dass verletzte Kind von früher selber solch ein Verletzer geworden ist.“ (Terrorpueppi)

Hieraus resultieren dann Annahmen wie: Der ist aber sensibel. Da muss man doch nicht traurig sein. Hör auf zu flennen. … „Stell dich nicht so an“- Sätze, denen ich auf dem Spielplatz tagtäglich begegne. Gerade das Weinen des eigenen Kindes führt uns zielsicher zu unserem eigenen Schmerz, so dass viele Eltern darum bemüht sind, das Weinen ihres Kindes zu unterbinden. Und sich gar nicht darüber bewusst sind, was sie da tun.

Im Übrigen resultiert hieraus auch die Aussage, der ich inzwischen auch verstärkt begegne:

„Ich bin meinen Eltern sehr dankbar. Sie haben mich hart gemacht gegen die kalte Welt da draußen.“

Ich bin darüber sehr traurig und mich lässt es nachdenklich zurück.

 

Wie gehe ich statt dessen mit meinen Kindern um?

 

Nun. Die Frage ist interessant. Und noch interessanter ist: Wie gehe ich selbst damit um, wenn ich traurig, ängstlich, wütend bin. Ich nehme mich mit all meinen Gefühlen an. Ich akzeptiere sie, ich fühle sie, ich unterdrücke sie nicht mehr. Sie wollen mir was sagen, sie weisen mich auch unerfüllte Bedürfnisse hin nehmen. Und ich darf sie ernst nehmen. Ich darf mich selbst annehmen wie ich bin. Dann, wenn mir das gelingt und ich in Verbindung mit mir selbst komme, gelingt es mir auch mein Kind zu sehen. Dann kann ich meinem Kind genau die selbe Empathie schenken, wie ich sie mir selbst entgegen bringe. Aber ich brauche den Raum dieses Mitgefühl für mich selbst FÜHLEN zu dürfen und zu können. Dann habe ich nicht mehr das Verlangen danach, meine Tochter möge aufhören zu weinen. Dann kann ich sie in den Arm nehmen, sie trösten und ihr sagen:

„Puhhhh mensch! Ich sehe dich. Und ich verstehe dich. Ich glaube, du bist gerade sehr traurig.“

Es wird dann Raum frei dafür, dass sie mir mitteilt, was sie womöglich brauchen könnte. Manchmal weiß sie es selbst nicht. Dann gilt es das mit ihr gemeinsam auszuhalten, dann gilt es die Traurigkeit, den Frust, die Verzweiflung, die Wut zu begleiten, ohne, dass ich die Verantwortung für meine eigenen Gefühle an mein Kind abgebe.

„Das Kind zu beruhigen, ihm aber dabei das Gefühl zu geben, seine Gefühle wahrzunehmen und sie nachvollziehen zu können, das eröffnet unseren Kindern eine Welt voller lebendiger und aushaltbarer Emotionen!“ (Terrorpueppi)

Eure Verena

 

Weiterführende Links zum Thema

Terrorpueppi: Stell dich nicht so an Sätze, die Kinderseelen verletzen

Villa Kalimba: „Kein Grund zu weinen“

 

5 Kommentare zu „Warum ich „Stell dich nicht so an“ Sätze vermeide und die Gefühle meines Kindes ernst nehme

  1. Genau so sehe ich es auch!
    Der Satz „Es ist doch gar nix passiert!“ höre ich sehr oft – obwohl für das (gestürzte) Kind sehrwohl was passiert ist… Auch wenn es sich „nur“ erschrocken hat oder traurig ist, etwas nicht geschafft zu haben. Dazu braucht man nicht noch eine blutende Platzwunde…

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  2. Genau so cao 🙂 ich fühle mich sehr mit dir verbunden.

    ICH bin nicht mein Kind. Ich kann schlicht nicht wissen, wie es sich für mein Kind anfühlt, wenn es sich gerade weh getan hat, ich kann nicht wissen, ob und wie es Wut wahrnimmt, wenn es wütend ist, Traurigkeit, wenn es traurig ist. Auch wenn es für MICH kein Drama ist. Für das Kind IST es ein Drama. Und das gilt es meiner Meinung nach ernst zu nehmen und dem Gefühl Raum zu geben. Und den selben Raum darf ich mir auch nehmen und mir zugestehen :).

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    1. Lieber rrisch ❤ nein. Elternsein ist kein Lehrberuf. Es ist ein wundervoller Prozess, der uns mehr und mehr zu uns führt. Fehler sind wundervoll, es ist nur unsere Aufgabe die Verantwortung für sie zu übernehmen und anzufangen uns liebevoll zu reflektieren. Und unsere Kinder machen uns dieses Geschenk. Ich glaube, dass du ganz arg liebevoll zu dir selbst sein darfst😘 und auch deine Fehler annehmen darfst ❤ Ich wünsche Dir alles Liebe

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      1. Liebe Verena, herzlichen Dank für Deine tröstenden Worte. Ich neige nicht dazu, in der Vergangenheit zu leben wie so manch andere in meinem Alter. Aber gelegentlich passiert’s halt doch, dass Erinnerungen aufsteigen wie Gespenster, und man muss sie auf ihren Platz zurückschicken. Das ist manchmal lustig, aber es gibt auch traurige Momente. Mit meinen Fehlern der Vergangenheit lebe ich in Frieden. Diese Messe ist gesungen. Hier und heute bin ich ein ganzes Stück klüger als vor 50 Jahren; das halbe Jahrhundert hat Früchte getragen. Und meine Fehler von heute und morgen sind von anderer Art: Ich lasse einen Becher Joghurt fallen und trete auch noch hinein …..
        Liebe Grüße!
        RR
        ps: Ich bin’n Kerl.

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