Was deine Wut dir sagen möchte

Wut – ein derart missverstandenes Gefühl
„Wut, das ist für viele so ungefähr das niedrigste Niveau, auf das ein Mensch sinken kann. Dabei ist sie zusammen mit Freude, Angst und Trauer eine der grundlegenden Emotionen des Menschen und erfüllt einen wichtigen Zweck: Wut ist die Energie, die ein sensibles Herz beschützt, die einen sicheren Raum für Verletzlichkeit bereitet.“ (Sein)

Ich glaube Wut ist eine äußerst missverstandene Emotion. Ich begegne immer wieder Menschen, die bedauern, dass sie Wut fühlen. Die sich dafür selbst ablehnen und verurteilen. Sie kämpfen gegen ihre Wut an, versuchen sie zu unterdrücken und sie zu ignorieren. Und auch ich habe sie lange als Teil von mir abgelehnt.
Ich habe Wut lange Zeit mit Aggression gleichgesetzt. Ich stellte mir unter wütenden Menschen, Menschen vor, die rumschreien, pöbeln oder physisch übergriffig werden. Ich verurteilte das zutiefst und war beschämt, wenn ich selbst in Wut verbal ausfallend wurde.
Und ich glaube, dass das hoch problematisch ist. Damit meine ich nicht die Ablehnung von Aggression, sondern das synonyme Verständnis von Wut und Aggression und die eigene Beschämung.
Das Zitat oben macht in meinen Augen auf wundervolle Weise deutlich, wie wichtig Wut ist. Wut ist ein Ausdruck von unerfüllten Bedürfnissen. Wut ist immens wichtig. Wut möchte dich darauf aufmerksam machen, dass Bedürfnisse grundlegend unerfüllt sind. Und Wut möchte gesehen werden. Ich finde es tragisch, dass wir uns selbst verurteilen, wenn wir wütend sind. Genau DAS erfüllt noch weniger unsere Bedürfnisse, danach gesehen und wertgeschätzt zu werden. Und genau das trägt in meinen Augen die Gefahr in sich in Aggression und Gewalt zu münden.
Wut trägt in sich die Energie der Veränderung. Wut ist in sich Antriebsfeder. Wut weist darauf hin, dass unser Wertesystem angegriffen wurde. Ein Ausdruck von Wut ist Empörung und die brauchen wir so dringend. Es wäre so wichtig, dass wir beginnen mit Empörung auf strukturelle Gewalt zu reagieren. EMPÖRUNG ist die Emotion, die Revolutionen, Protesten, Demonstrationen zu Grunde liegt. Nur wenn wir Wut empfinden, beginnen wir Dinge verändern zu WOLLEN.
Und unter Wut können auch andere Emotionen liegen wie Traurigkeit, Frustration, Verzweifelung, Ekel, Angst, Schmerz. Wut bietet diesen Emotionen einen Raum, den wir brauchen so lange wir diese Emotionen als schwach und erniedrigend verurteilen.

Wut wird dann destruktiv, wenn sie in Aggression und Gewalt endet. Beides widerspricht vollkommen meinen Werten. Und dennoch: Ich verurteile keinen Menschen. Weil das nicht friedvoll ist. Weil das nicht meinen Werten entspricht. Und weil ich glaube, dass die meisten aggressiven Menschen ihr Verhalten selbst gerade nicht geil finden, sie wollen nicht brüllen, sie sind in Not.

 

Wann werden wir aggressiv

 

Ich glaube, dass es zwei unterschiedliche Arten von Situationen gibt, in denen wir mit Aggression reagieren. Also mit einer Übersprungshandlung, in der wir die Kontrolle über das, was wir sagen / tun verlieren und Wut destruktiv wird.
Zum einen sind das Situationen, in denen wir unsere Bedürfnisse ignorieren. Wir werden immer gestresster und geraten schließlich in Not. Ich bin lange Zeit wenig achtsam mit mir und meinen Gefühlen umgegangen. Ich wollte nicht traurig sein, keine Angst haben, keine Frustration spüren und schon gar nicht wütend sein. Aber genau das sind Gefühle, die uns darauf aufmerksam machen wollen, dass grundlegende Bedürfnisse unerfüllt sind und wir Empathie, Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Mitgefühl brauchen. Empfand ich eines dieser Gefühle dann doch verurteilte ich mich für meine Verletzlichkeit und meine Schwäche und sorgte somit für eine weiteres Defizit in meiner Bedürfniserfüllung.
Das andere sind Situationen in denen wir von 0 auf 180 sind. Bei mir war das lange Zeit der Fall wenn mein Mann nicht sofort ans Handy ging wenn ich ihn versuchte anzurufen, in den Momenten in denen ich etwas suchte. Ich war sofort in Not. Ich beleuchte die Situation weiter unten genauer. Diese Situationen sind mMn eng verknüpft mit Situationen in denen in uns alter Schmerz aus Kindheitstagen getriggert wird.
In beiden Arten von Situationen spielen im übrigen unsere Gedanken eine maßgebliche Rolle dabei, wie wir diese beurteilen, inwiefern wir in die Verantwortung kommen und dem Gefühl von Ohnmacht und erlernter Hilflosigkeit begegnen. Hierzu möchte ich euch gern ein Beispiel aufzeigen:

 

HILFE! ICH KOMME ZU SPÄT!

Puuhhhhh MENSCH, das war ein Tag!
Da hatte ich mit einer Freundin einen Treffpunkt ausgemacht – Ort und Zeit fest vereinbart.
Ich war mit beiden Kindern alleine. Wir machten uns auf den Weg, wollten mit der Straßenbahn fahren. Meine Tochter fand die Steine auf dem Weg unheimlich spannend. Ich wurde mit dem Blick auf die Uhr schon ein bisschen nervös, drängelte ein bisschen. Meine Tochter wollte mal raus aus dem Buggy, mal rein. Irgendwann kamen wir an der Straßenbahnhaltestelle an. Meine Tochter sah einen nah gelegenen Spielplatz, ihre Augen wurden riesig, ich spürte, dass sie sich freute. Ich bat sie, dass sie bei mir bleiben möge. Tat sie nicht. Es waren 10 Meter bis zum Spielplatz, keine gefährliche Straße, die überquert werden musste, sie konnte direkt loslegen und genau das tat sie auch. Ich rief nach ihr, sie war in ihrem Spiel vertieft, die Straßenbahn kam, die Straßenbahn fuhr wieder… mir war klar: Ich würde zu spät zu unserem Treffen kommen

Meine Gedanken fuhren Achterbahn: Die interessiert sich NULL für das was ich sage, ich bin ihr vollkommen egal. Sie muss doch auch mal hören. Was denkt die eigentlich? WAS ZUM GEIER SOLL DAS?

Puh, ja. Ich war WÜTEND. Und verantwortlich dafür, war nicht das Verhalten meiner Tochter, sondern meine Gedanken.

Ich hätte genau so denken können:

Hey! Ja! Sie sorgt für sich. Sie sammelt wundervolle Kindheitserinnerungen und steht für sich ein! Sie ist völlig vertieft in ihrem Spiel und lernt gerade! WOW!

Und ich hätte mit Freude reagiert.

Mir war klar, die nächste Straßenbahn würde in 15 Minuten kommen. Ich hätte meiner Freundin kurz Bescheid geben können. Sie hätte ganz sicher gern auf mich gewartet, kennt das, hat eigene Kinder. Eigentlich eine Lapalie. EIGENTLICH!

 

Das Drama ist in unseren Köpfen.

 

Dahinter steckt tiefer Schmerz. Ich erinnere mich gut, an eine Situation aus meiner Kindheit, in der ich fürs Zuspät-Kommen bestraft worden bin. Und solche Situationen, in denen ich „zu spät“ kommen könnten, triggern mich heute. Hinter meiner Wut steckt längst vergangener Schmerz.

Mich triggert „zu spät“ kommen bis heute. Ich gerate innerlich in Not. Wut ist nichts anderes als der Ausdruck davon.
Aber mit diesem Wissen kann ich vorsorgen.

Ich kann Zeiträume, statt genaue Zeitpunkte vereinbaren (meine Lieblingsstrategie), ich kann ausreichend Zeit einplanen, ich kann mir bewusst machen: Ich bin für meine Gefühle verantwortlich, aber nicht für die anderer Erwachsener, ich kann mir klar machen, dass das alles nur in meinen Gedanken schrecklich ist, aber für den anderen gar nicht so sein muss und schließlich: Ich kann einfach Bescheid sagen. Und ich kann mich selbst mit Empathie versorgen.

 

Was passiert im Gehirn, wenn wir in Not geraten
Wie reagiert unser Gehirn nun in eben solchen Situationen, die wir entsprechend bewerten. Ich glaube, wenn wir das WIRKLICH verstehen, erkennen wir auch wie tragisch es ist, sich selbst für diese Emotionen zu verurteilen und wie wenig wir damit aus einem wie ich finde äußerst traurigen Teufelskreis raus kommen.

Wut beginnt im Gehirn in der Amygdala (Mandelkern). Die Amygdala ist ein Komplex von Nervenfasern im limbischen System des Gehirns. Dieser Teil ist dafür da,  in Gefahrensituationen blitzschnell zu reagieren. Versetzen wir uns in die Steinzeit: Hätte der Mensch hier lange überlegt, ob der Säbelzahntiger nun gefährlich ist oder nicht, und was er nun tun soll, hätte er nicht überlebt. Aus dem Grund ist der präfrontalen Cortex, der Situationen rational abwägen kann, zunächst inaktiv. Auf die heutige Zeit ist unser Gehirn quasi nicht ausgerichtet. In der Regel befinden wir uns nicht in Lebensgefahr. Aber die Abläufe im Gehirn sind die gleichen. Unbewusst stuft unser Gehirn die Situation extrem schnell als Gefahr ein.  Und dann haben wir genau drei Möglichkeiten zu reagieren:

Wir können uns tot stellen (wir verfallen in Schockstarre), wir können angreifen (Aggression) oder die Flucht ergreifen (die Situation verlassen).

Von der Amygdala aus wird der Wutimpuls über den Thalamus zum präfrontalen Cortex weitergeleitet. Dieser Bereich liegt im Bewusstsein des Menschen (während der Rest bisher unbewusst ablief). Die Aufgabe des präfrontalen Cortex ist es – wie oben schon erwähnt – eine situationsangemessene Handlungssteuerung und Regulation emotionaler Prozesse vorzunehmen.

„Während die Amygdala das Wutgefühl sozusagen im Rohzustand liefert, steuert der Cortex eine Erklärung für die physiologischen Reaktionen bei, die wir erleben, wenn wir wütend werden.“ (Richard Restak)

Dieses neurologische Verständnis von Wut hilft uns, uns mit uns selbst zu verbinden, verantwortlich zu agieren und mit der Biologie statt gegen sie zu arbeiten.

 

Wie können wir Aggression begegnen

 

Statt nun – wie bisher – uns für unsere Emotionen zu verurteilen, können wir uns selbst mit Mitgefühl begegnen. Gerade dann wenn wir in Not geraden – ist es so, so wichtig, zu überlegen, WIE wir total gut zu uns sein können und für uns sorgen können. Ich habe hierfür hier Beispiele gesammelt. Ich mein das sehr ernst: Wenn du das nächste Mal dein Kind angeschrien hast (und warum du das lassen solltest hab ich hier geschrieben), dann sag deinem Kind, dass es dir leid tut, dass es NICHTS dafür kann und du in Not geraten bist. Übernimm du die volle Verantwortung für deine Gefühle und dann versorge dich selbst. Tu dir was Gutes!

In den Situationen, in denen du spürst, dass du gerade wütend wirst: Verzögere die Zeit zwischen Reiz und Reaktion. Dein Kind wirft sich tobend auf den Boden und du spürst, dass du so richtig wütend wirst? Atme, Sing, komm in Bewegung, hüpf auf und ab, wedel mit den Armen, gib deinem Körper die Möglichkeit die Energie los zu werden, die durch die Wut frei gesetzt wurde und gib deinem Gehirn Zeit, die Situation angemessen beurteilen zu können (hier findest du weitere Strategien)

Und schließlich: Diese Beurteilung hängt maßgeblich mit unseren Gedanken zusammen. In meinem oben geschilderten Beispiel ist meine Tochter zum Spielplatz gerannt. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe die Situation entsprechend meiner Gedanken bewertet. Ich hätte ihnen nicht Glauben schenken brauchen. Unsere Kinder lieben uns abgöttisch. Sie sind existentiell von uns abhängig (siehe hier). Sie können gar nicht anders. Und meine Gedanken in dieser Situation hatten NICHTS mit der Realität zu tun. Diese destruktiven Gedanken spiegeln unser verletztes inneres Kind wieder, sind Produkt von Erziehung und sind Relikte längst vergangenen Schmerzes. Wir sind in der Verantwortung uns mit ihnen auseinander zu setzen und sie zu hinterfragen. Mir hilft dabei „The work“ von Byron Katie .

Ich habe die Gefühle meiner 3 jährigen Tochter schon immer gespiegelt und begleitet. Aber lange Zeit habe ich das schlicht als Methode angewandt und nicht TATSÄCHLICH verstanden. Erst seitdem ich mich auf diese Weise mit mir selbst verbinde und mit mir mit Selbstempathie begegne, werden die Situationen in denen meine Wut destruktiv wird, immer weniger. Und inzwischen WEIß ich um die Bedeutsamkeit des Spiegelns und der liebevollen Annahme der Wut unserer Kinder für den Frieden in der Welt.

„Wenn wir wahren Frieden in der Welt erlangen wollen,
müssen wir bei den Kindern anfangen.“
Mahatma Gandhi

 

… Und ich bin mir sicher: Damit meinte Gandhi AUCH und INSBESONDERE die inneren Kinder.

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

Sein: Wut – die missverstandene Emotion

Der Kompass: Eltern in Wut! Muss das sein?

Buchtipp:

Russell Kolts: Schließe Freundschaft mit deiner Wut – wie Achtsamkeit und Mitgefühl dabei helfen können, besser mit Ärger und Wut umzugehen.

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