Wie heißt das Zauberwort…

Über den Zwang von Höflichkeitsfloskeln

 

„Man kann einen Menschen nichts lehren, mann kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ (Galileo Galilei)

 

Ich bin erstaunt, wie hartnäckig sich diese Verhalten hält. Ich erlebe in regelmäßigen Abständen Eltern, die ihre Kinder zwingen:

  • Bitte
  • Danke
  • Entschuldigung
  • Guten Tag
  • Auf Wiedersehen

zu sagen. Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich mit meiner Tochter und einer anderen Mutter mitsamt Sohn auf dem Spielplatz. Der Sohn meiner Freundin tat meiner Tochter weh. Ich begleitete meine Tochter. Die Mutter des Jungen sagte: „Schätzchen, so geht das nicht. Entschuldige dich!“ Sie wartete, wurde ungeduldig. Ich brach das ganze schließlich ab. Mir war die Situation unangenehm. Und den Kindern ganz sicher auch. Ich wollte nicht, dass sich irgendwer gedemütigt fühlt.

Ich sehe den Wunsch der Eltern dahinter. Ich verstehe das. Da soll das Kind höflich sein. Das eigene Kind soll respektvoll, zuvorkommend, freundlich sein. Da spielt der Gedanke mit rein: Eine Mutter deren Kind „Danke“ sagt, ist eine „gute“ Mutter. Der Irrglaube, Kinder könne man zu Höflichkeit erziehen, hält sich hartnäckig. Ich glaube daran nicht. Ich glaube nicht, dass ich einem Menschen etwas beibringen kann. Ich glaube, der Mensch entdeckt Fähigkeiten und Werte in sich selbst. Er lernt, indem er sich Dinge selbsttätig aneignet (Stichwort: Konstruktivismus), indem er Erfahrungen macht. Und ich glaube, dass Lernen Zeit braucht.

 

Lerntheorien und die Perspektive auf die Menschenwürde lassen für mich nur einen Schluss zu:

Es ist unmöglich sein Kind zur Höflichkeit zu erziehen und mit meinen Werten nicht in Einklang zu bringen. Für mich gibt es verschiedene Gründe mein Kind NICHT dazu zu zwingen, diese Floskeln zu verwenden.

Ich kann einem Menschen nichts beibringen (lerntheoretischer Blickwinkel)

Es demütigt, es ist angewandter Zwang und es schwächt das Kind in seiner Authentizität (Menschenwürde)

 


Zur lerntheoretischen Betrachtungsweise

Viele Eltern stellen sich Lernen oft noch so vor, dass wenn sie „A“ oben rein geben (ins Kind), „B“ unten raus kommt. Diese Vorstellung entspricht dem Behaviorismus und ist veraltet. Da ist die Annahme, dass wenn ich das Kind ermahne „Danke“ zu sagen, es ab sofort in vergleichbaren Situationen dankbar ist und von selbst danke sagt. Ich glaub das nicht. Ich glaube weder, dass das Kind in jeder vergleichbaren Situation ab sofort „Danke“ sagt noch, dass es dadurch dankbar wird. Kinder bis zu einem gewissen Alter können nicht rational planerisch handeln. Es wird sich nicht zurück erinnern und denken „Ach klar, hier hat meine Mutter neulich geschimpft. Hier sag ich jetzt natürlich Danke“. Das Kind handelt intuitiv. Und Lernen braucht Zeit. Viel Zeit.

Wenn das Kind dann irgendwann alt genug um zu begreifen, was von ihm erwartet wird, wird es vielleicht tatsächlich anfangen „Danke“ zu sagen. Das Ding ist nur: Es ist deswegen noch lange nicht dankbar. Es hat nur gelernt, dass es eine ziemlich schlechte Idee ist, nicht danke zu sagen. Es hat Angst vor der Zurechtweisung und wird ab sofort (möglicherweise!) die Höflichkeitsfloskel rein mechanisch anwenden. Es hat gelernt, dass soziales Lügen vor Abwertung schützt.

 

 

Weshalb ich es nicht mit meinen Werten vereinbaren kann, meine Kinder zu Höflichkeitsfloskeln zu zwingen

Und was es zudem gelernt hat: Es ist okay, dass Menschen andere Menschen zu etwas zwingen. Es ist okay, dass größere Menschen ihre Macht missbrauchen, um kleinere Menschen nach ihrem Willen zu formen. Und sie lernen: Wenn ich möchte, dass meine Mama mich noch lieb hat, dann wäre es eine ziemlich miese Idee ich selbst zu sein. Authentizität ist unerwünscht. Selbstbestimmung?: Nichts für kleine Menschen! Es ist für mich menschenunwürdig, Kinder zu Höflichkeitsfloskeln zu zwingen.

Also ja, vermutlich zeigt das Kind tatsächlich irgendwann erzwungene Verhaltensweisen aber zu welchem Preis?

Ich stehe für ein friedvolle Verbindungen. Ich stehe für Respekt. Und ich übe mich in Authentizität. Mir ist MITeinander ein Herzensanliegen. Ich halte jeden Zwang den ich auf andere Menschen ausübe für gewaltvoll. Ich würde mit diesem Verhalten Kinder dazu zu zwingen selbst vollkommen gegen meine Werte handeln. Es spricht meiner Meinung nach gegen die Würde eines anderen Menschen ihn zu Dingen zu zwingen, die er nicht tun möchte. Und damit gegen Menschenwürde.

 


Aber wie vermittle ich denn dann lebenswerte Werte wie Respekt, Dankbarkeit, Verbindung zu anderen Menschen?

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass ich einem anderen Menschen Werte NICHT beibringen kann. Ich glaube, dass Menschen lernen wenn sie ERFAHREN dürfen. Ich glaube es ist wichtig, dass sie Dankbarkeit, Respekt, Verständnis FÜHLEN.
Ich glaube zutiefst daran, dass es in meiner Verantwortung liegt, diese Werte zu leben.
Ich selbst bemühe mich darum, respektvoll, dankbar, achtsam, verständnisvoll zu sein.
Ich drücke meine Dankbarkeit aus. Ich selbst grüße und verabschiede mich. Ich selbst sage aufrichtig: „Das tut mir leid! Ich bedaure, dass ich dich verletzt habe.“ Ich selbst bemühe mich Bitten zu formulieren und nicht zu befehlen.
Und meine Tochter verhält sich inzwischen genauso. Manchmal frag ich sie, ob sie sich noch verabschieden möchte. Oft nimmt sie mein Angebot dankbar an. Und wenn nicht, dann nicht. Kein Zwang! Kein Muss! Und das liegt dann meiner Erfahrung nach daran, dass sie selbst unerfüllte Bedürfnisse hat: Hunger, Müdigkeit oder das Bedürfnis selbst danach gesehen zu werden ist nicht erfüllt…

Das vermitteln von Werten ist für Kinder von großer Bedeutung. Sie brauchen einen Rahmen, an dem sie sich orientieren können. Sie erfahren von den Personen ihrer Umgebung durch das Vorleben, wie das Leben gestaltet ist. Sie erfahren einen Rahmen durch unser Handeln, an dem sie sich erproben und durch den sie ihren Weg finden können.“ (Geborgen-wachsen)

Eure Verena

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

 

Geborgen wachsen: Wie heißt das Zauberwort? Respekt!

HuffingtonPost: Ich zwinge meine Kinder nicht Bitte und Danke zu sagen

Gewünschtetes Wunschkind: Warum man Kinder nicht dazu anhalten muss, sich zu entschuldigen

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