Gedankenspiel: „Mein Kind muss doch auch mal teilen!“

Ein kleines Gedankenspiel

Eine mir bekannte Floskel, die mir immer mal wieder begegnet: Auf dem Spielplatz, in Elternkursen, in der Verwandtschaft ist: „Mein Kind muss doch auch mal teilen lernen.“

Auch ich habe das lange geglaubt. Ja, ich hatte bereits viel dazu auf vielen BO- Blogs gelesen, aber irgendwie zweifelte ich trotzdem und war erschrocken als meine Tochter zum allerersten Mal mit Vehemenz ihr Spielzeug zurück forderte.

 

Und dann begann ich mit „The work“ meine destruktiven Gedanken zu hinterfragen.

„The work“ von Byron Katie ist dabei eine Methode, um destruktive Gedanken aufzuspüren, sie zu hinterfragen und sie zur Selbstreflexion zu nutzen.

Dazu dienen vier Fragen:

1. Ist das wahr?
2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
3. Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?
4. Wer wärst du ohne den Gedanken
5. Wie kannst du den Gedanken umkehren, so dass er für dich wahr wird?

 

„Mein Kind muss doch auch mal teilen lernen!

 

1. Ist das wahr?

Als die erste Situation in der Richtung aufgetreten hat, dass mein Kind einem anderen Kind sein Spielzeug aus der Hand gerissen hat, dachte ich erst: OH! Krass! Das geht aber doch nicht, mein Kind muss doch auch teilen lernen. Ich sagte nichts, weil es diverse Blogs gab, auf denen ich bereits gelesen hatte, dass die Erwartung an das Kind, es möge doch bitte auch mal teilen, nicht mehr zeitgemäß sei. Aber in mir drin schrie alles danach, dass mein Kind das so ja nie lernt und ich jetzt doch eigentlich reagieren müsste? Ich war verwirrt. Ich schwankte irgendwie zwischen JA, natürlich und hmmmm… tja… wieso eigentlich?

 

2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

Naja, NEIN, eigentlich nicht. WIESO sollte dem so sein? Ich will meine Dinge ja auch nicht immer teilen, schon gar nicht wenn ich dazu gezwungen werde.

 

3. Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?

Ich setze mich selbst unter Druck, wenn meine Tochter nicht teilen möchte. Ich stresse mich selbst. Ich habe Vorstellungen davon, wie meine Tochter als Erwachsene total egoistisch ist, keine Freunde hat und bin ganz sicher NICHT mitfühlend. Ich fange an sie überreden zu wollen zu teilen, werde grummelig, und überlege mir wie ich sie dazu bringen könnte, das, was sie eigentlich gar nicht tun will, zu tun: zu teilen. Ich stelle mir vor, dass es meine Aufgabe als Mutter ist, ihr das beizubringen, ich stelle mir vor, was die anderen über mich denken, wenn meine Tochter ihr Eigentum verteidigt und werte mich selbst ab, weil sie nicht teilt.

 

4. Wer wärst du ohne den Gedanken?

Ja, wer wäre ich ohne diesen Gedanken? Ich würde mich leicht, befreit fühlen. Ich würde mich selbst und meine Tochter nicht mehr unter Druck setzen.
Ja, der Gedanke:

Meine Tochter sorgt für sich. Sie steht für sich ein und vertritt ihre Meinung.

Bekommt plötzlich Raum. Und:

Vielleicht braucht sie genau DAS gerade? Die Sicherheit, dass sie über ihre Sachen jederzeit entscheiden kann, eine Vorstellung darüber, dass ihr etwas gehört.

Ich bin entspannt. Ich freue mich über meine Tochter, sie sorgt für sich und ich kann ihr diese Sicherheit vermitteln, indem ich sie nicht dazu zwinge ihre Sachen teilen zu müssen.

Wenn ich das glaube, kann ich die beängstigenden Gedanken los lassen, ich komme ins Vertrauen und in die Verbindung mit meiner Tochter.

 

5. Wie kannst du den Gedanken umkehren, so dass er für dich wahr wird?

Im nächsten Schritt kehre ich den Gedanken um.
Ich komme von: Meine Tochter muss doch auch mal teilen zu:

 

Meine Tochter muss NICHT teilen

  • stimmt, muss sie NICHT, weil kein Mensch überhaupt irgendetwas MUSS
  • stimmt, muss sie NICHT, weil sie ihre Meinung vertritt und zu sich steht
  • stimmt, muss sie NICHT, weil das ein wichtiger Entwicklungsschritt ist, ihr Eigentum zu verteidigen und es für so kleine Kinder bedrohlich ist, ihre Spielsachen teilen zu müssen
  • stimmt muss sie NICHT, weil sie durch das teilen MÜSSEN, nicht lernt, zu teilen, sondern nur, dass es (sollte ich es unter Zwang durchziehen) okay ist, kleine Menschen zu Dingen zu zwingen, die sie nicht tun wollen UND statt teilen, klauen lernt

Ich darf teilen

  • Ja, ich darf mein Eigentum teilen (vorausgesetzt ich MÖCHTE das). Ich darf aber auch mal „Nein“ sagen, wenn ich meine Sachen gerade nicht abgeben möchte. Ich darf lernen zu mir selbst zu stehen.
  • Ich darf meine Sachen teilen und meiner Tochter damit die wundervolle Lernchance ermöglichen wie es für andere ist, wenn ich meine Sachen teile

 

Und siehe da:

Meine Tochter braucht nicht teilen, damit es MIR besser geht. Ich kann aus der Opferhaltung raus kommen, Verantwortung für mich selbst übernehmen und selbst für mich sorgen.

„Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“
– Mahatma Gandhi

Eure Verena

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

Gewünschtetes Wunschkind: Mein Kind will nicht teilen – wie Kinder es lernen

Infos zum Thema: The work von Byron Katie

Arbeitsblatt zum Thema: The work von Byron Katie

 

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