Wie mir meine Gefühle dabei helfen für mich zu sorgen

Über „positive“ und „negative Gefühle“
Ich habe lange Zeit gedacht, ich könnte meine Gefühle einteilen. Und zwar in die Kategorien „positive“ Gefühle und „negative“ Gefühle. Dabei waren „positive“ Gefühle für mich all jene, die auf erfüllte Bedürfnisse bei mir hindeuteten. Dazu gehören für mich Freude, Begeisterung, Euphorie, Dankbarkeit, Leichtigkeit, Vergnügung, Fröhlichkeit etc. Negative Gefühle waren für mich Bedrückung, Traurigkeit, Frust, Angst, Verzweiflung usw.
Während ich die „positiven“ Gefühle willkommen hieß, sträubte ich mich gegen die „negativen“. Wer will schon ängstlich, traurig, verzweifelt oder frustriert sein? ICH wollte es definitiv nicht sein. Für mich war damit regelrecht mein Selbstwert verbunden.

Glasklar: Wer ängstlich ist, ist überfordert und wer überfordert ist, hat menschlich versagt. So traurig, so wahr. Und vielfach gelebte Realität.

Aber ich glaube, dass es einen Weg da raus gibt. Für mich sind Menschen, die ihre Gefühle wahrnehmen und ausdrücken, alles andere schwach. Für mich ist es inzwischen ein Ausdruck von Verantwortungsübernahme für sich selbst geworden.
Ich glaube, dass sogenannte „negative“ Gefühle (und hiernach möchte ich sie im Verlauf des weiteren Blogsartikels nicht mehr so unterteilen 😉 ) auf unerfüllte Bedürfnisse hinweisen (siehe auch den Blogartikel „Was sind eigentlich Bedürfnisse“). Und wenn wir anfangen sie wahrzunehmen, als genau das WAS sie sind, nämlich als Ausdruck dessen, dass uns etwas FEHLT, dann gelangen wir auch an den Punkt, an dem wir beginnen können unsere Gefühle und damit uns selbst ernst zu nehmen. Dann bemühe ich mich nicht mehr darum, meine Gefühle zu unterdrücken (welcher Natur auch immer) und gegen sie zu arbeiten. Ich beginne sie als Geschenk wahr- und anzunehmen.

 

Gefühle weisen auf Bedürfnisse hin

„Bedürfnisse sind eine völlig natürliche Erscheinung und sie dürfen sein. Immer und überall. Schließlich sind sie unser Kompass. Sie zeigen uns was uns gut tut und was uns schadet. Sie helfen uns auf unserem Weg glücklich zu sein.“ (Ludolf 2015)

DAS! Und ich glaube zutiefst daran: Immer dann, wenn wir mit uns selbst in Verbindung kommen, wenn wir uns ernst nehmen und annehmen, DANN gelingt es uns auch, in friedvolle, enge, tiefe Verbindung zu unseren Lieblingsmenschen zu kommen.

Immer dann, wenn wir wütend werden, werden wir nicht wütend, weil wir halt einfach scheiße sind. Wir werden wütend, weil Bedürfnisse von uns maßgeblich unerfüllt sind. Und wenn unser innerer Kritiker dann weiterhin darum bemüht uns, uns aufzuzeigen, wie mies wird doch sind, entsteht ein Teufelskreis. Unsere Bedürfnisse werden dadurch weiterhin nicht erüllt, Gefühle wie Wut, Frust, Trauer, Ärger, Angst bleiben und finden keine Ausdrucksmöglichkeit.

 

Was passiert, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden

„Je mehr und je länger Bedürfnisse nicht erfüllt werden, desto stärker die Gefühle, die irgendwann zu Affekthandlungen führen können.“ (Berger 2015)

Hierzu gehört, dass wir unsere Lieblingsmenschen anschreien, schimpfen, beleidigen, strafen etc. (siehe hierzu auch die Blogartikel „Was deine Wut dir sagen möchte„, „Und was ist mit Schimpfen„)
Wenn über längere Zeit unsere Bedürfnisse lediglich mangelhaft erfüllt sind, entstehen Traumata. Und das gilt auch und insbesondere für unsere Kinder! Ein inzwischen (zum GLÜCK!) sehr bekanntes Beispiel ist das, des „schreienlassens“. Säuglinge, die schreien gelassen werden, niemanden haben, der sie in den Arm schließt, wenn sie schreien, erleben Todesängste, da sie existentiell von uns abhängig sind. Sie wissen nicht darum, dass Mama oder Papa irgendwann wieder kommen und sie sicher in ihre Arme schließen werden.
Langfristig entstehen psychische Erkrankungen wie Depressionen, Neurosen, Burnout usw.
„Genau wie unsere Werte sind unsere Bedürfnisse elementar für unser Wohlbefinden. Wenn ich permanent etwas lebe, was mir gar nicht entspricht, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ich unzufrieden, unglücklich oder sogar krank werde.“ (Bela 2017)

 

Warum wir unsere Gefühle nicht mehr ernst nehmen

Ich glaube ja, dass es so wie mir vielen geht. Ich glaube, dass viele Menschen ihre Gefühle, die auf unerfüllte Bedürfnisse hinweisen, abwerten und in Folge dessen ein Teil ihrer selbst.
Ich glaube, dass viele von uns diese Sätze in ihrer Kindheit mit auf den Weg bekommen haben (siehe dazu auch diesen Blogartikel):

„Da muss man doch nicht weinen.“

„Stell dich mal nicht so an.“

„Warum weinst du? Das ist doch nicht schlimm!“

„Bis du heiratest ist alles wieder gut!“

„Indianer kennen keinen Schmerz“

„Hör auf zu weinen! Was sollen denn die Nachbarn denken?“

 

Diese – von mir sogenannten „Stell dich nicht so an“ – Sätze – führen dazu, dass wir unsere Gefühle als falsch abtun. Das, was meiner Meinung nach versteckt dahinter steckt, ist der Wunsch der Eltern, ihren eigenen Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen. Sie haben das und ähnliches selbst in ihrer Kindheit erlebt und nutzen sie jetzt selbst. Ich verstehe das. Ich kann die Not dahinter nachempfinden.
Da ist der versteckte Wunsch dahinter, das Kind möge aufhören zu weinen, DAMIT es uns als Erwachsene besser geht.
ABER wir Erwachsenen sind für UNS verantwortlich. Wir haben die Verantwortung für unsere psychisches und physisches Wohlbefinden. UND wir sind verantwortlich für unsere Kinder.
Wir sind NICHT für das verantwortlich, was uns selbst in unserer Kindheit widerfahren ist. Aber jetzt sind wir selbst Eltern. Jetzt können wir in die Eigenverantwortung kommen. Wir können für uns selbst sorgen, wenn wir auf unerfüllte Bedürfnisse aufmerksam werden. Und dahin gelangen wir nur über unsere Gefühle.

 

Und schließlich – wir sind unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert

Unsere Gefühle entstehen im Gehirn im limbischen System des Gehirns. Wir gleichen in unserem Gehirn neue Situationen immer wieder mit alt bekanntem, bereits Erlebtem ab. Das geht blitzschnell und wir kommen im Gehirn zu einer Bewertung der Gesamtsituation. Daraus resultieren unsere Gefühle. So kann ich in einem beißenden Kleinkind mein Kind sehen, dass sich nicht an bestehende gesellschaftliche Konventionen hält, dem andere Menschen egal sind und, dass frech und dreist ist. Und vielleicht hängt ja auch mein Selbstwert als Mutter davon ab, wie „brav“ sich mein Kind verhält. DANN ist mein Gefühl auf Grundlage dieser Bewertung vielleicht Traurigkeit und Verzweiflung. Das hinterliegende, unerfüllte Bedürfnis ist vielleicht Wertschätzung und Anerkennung.

Alternativ bewerte ich die Situation so, dass mein Kind eben 3 Jahre alt ist. Das es noch mini mini mini klein ist, soziales Lernen Zeit braucht (siehe dazu auch hier) und die Impulskontrolle eben noch nicht völlig ausgereift ist, und sein Verhalten altersspezifisch „normal“ ist. DANN reagiere ich mit Gelassenheit, ich kann meinem Kind die nötige Aufmerksamkeit schenken, ihm Handlungsalternativen aufzeigen und es mit eigener innerer Leichtigkeit begleiten.

Ich glaube wirklich, dass wir uns einen anderen Umgang mit Gefühlen entwickeln dürfen, dass wir gut daran tun, unseren Kindern dies vorzuleben und beginnen dürfen uns selbst so anzunehmen wie wir sind. Und ich glaube daran, dass es uns dann gelingt innige Beziehungen mit unseren Lieblingsmenschen zu leben.

„Was auch immer das Gefühl ist, ob Schmerz oder Freude
– es ist ein Geschenk und seine Schönheit liegt darin, dass es dir zeigt, dass du lebendig bist.“
– Marshall B. Rosenberg

 

Weiterführende Links zum Thema:

Karin Berger: Gesundheitsperspektiven – Worauf Gefühle hinweisen

Bela: Worte finden, die verbinden (Gewaltfreie Kommunikation – Bedürfnisse erkennen und erfüllen)

LebeBlog: Gefühle verstehen und lösen: Was sind Gefühle?

 

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